Sagenwelt

Das Wildfrauloch in Groß-Felda

Am Loh­berg befin­det sich in Groß-Fel­da heu­te noch eine klei­ne Fels­höh­le, die vor­mals viel grö­ßer gewe­sen sein soll. Von hier aus soll ein unter­ir­di­scher Gang bis nach Klein-Fel­da in die Erlen gegan­gen sein. Ein­mal wird berich­tet, dass auf bei­den Sei­ten des Ber­ges ein Klos­ter gewe­sen sei und die­ser Gang eine unter­ir­di­sche Ver­bin­dung dar­ge­stellt habe. Eine ande­re Ver­si­on berich­tet von zwei ehe­ma­li­gen Schlös­sern, die durch die­sen Gang eine Ver­bin­dung hat­ten. Im Volks­mund heißt die Fels­höh­le heu­te noch Weal­fraa­loch (Wild­frau­loch).

Wei­ter­hin wird erzählt, dass unter dem besag­ten Ber­ge ein gro­ßer unter­ir­di­scher See sei.

Der alte Keller (Stumpertenrod)

Im Pfarr­wald soll der Sage nach ein alter Kel­ler lie­gen, von wel­chem aus ein unter­ir­di­scher Gang bis zur Burg Ulrich­stein füh­ren soll. Die Rit­ter benutz­ten ihn bei einer Bela­ge­rung, um die Fein­de umzin­geln und von hin­ten angrei­fen zu kön­nen.

KIRCHHOFSGANG

Die­ser soll unter­halb des alten Was­ser­basins gele­gen haben. Die Hel­pershai­ner und Köd­din­ger hät­ten hier ihre an der Pest Ver­stor­be­nen begra­ben.

Der böse Gefährte

Ein armer Weber aus Hei­merts­hau­sen war in Schell­nhau­sen gewe­sen, hat­te dort eine Last Garn geholt und ging nun heim­wärts durch den Wald, der zwi­schen bei­den Orten liegt. Eine hal­be Stun­de vor sei­ner Hei­math befin­det sich ein frei­er Wies­platz mit­ten im Wal­de, das sind „die Hom­mels­wie­sen“, und hier soll­te es, nach der all­ge­mei­nen Beschrei­bung, nie ganz rich­tig sein. Dar­um freu­te sich der Weber auch recht, als ihm ein Mensch nach­rief: „Heda, Lands­mann, wo hin­aus geht der Weg nach Hei­merts­hau­sen?“ Denn nun hat­te er doch Gesell­schaft. Er wen­de­te sich um und sag­te: „Ich bin von daher, geht mit mir!“ und so gin­gen die zwei mit­sam­men wei­ter.

Damals hat­te es aber einen dün­nen Hasen­schnee auf die Erde gewor­fen, und es war um jene Tages­zeit, die man „zwi­schen Licht und Dun­kel“ nennt. Da hob der Frem­de an und sag­te: „Mann, steht still, ich sehe, Ihre habt etli­che Strän­ge Garn ver­lo­ren“; letz­te­re hat­te man dem Weber näm­lich in Schell­nhau­sen geschenkt und er woll­te sie sei­nen Kin­dern mit­brin­gen. „Kommt, wir wol­len umwen­den“, fuhr er fort, „ich will sie Euch suchen hel­fen!“

All die­ses kam dem Weber, der die „wei­ße Kunst“ und das „Bespre­chen“ ver­stand, sonst aber ein got­tes­fürch­ti­ger Christ war, doch etwas abson­der­lich vor, und er ant­wor­te­te des­halb: „Mögen die Aepfel denn ver­lo­ren sein, und was das Garn betrifft, so kön­nen mei­ne Weibs­leu­te ande­res spin­nen!“ Indem schau­te er auf den Boden und ward hin­ter ihnen den Tap­fen von einem Men­schen­fuß und neben dem­sel­ben einen Pfer­de­huf­tritt gewahr, also, daß der böse Gefähr­te Nie­mand anders sein konn­te, als der lei­di­ge Satan. Sobald frag­te er ihn auch: „Kennst du den, der in des Him­mels Wol­ken thront, den alle Engel anbe­ten, und der Jesus heißt?“

In die­sem Augen­bli­cke gab’s einen so ent­setz­li­chen Sturm­wind, daß der Weber mein­te, alle Bäu­me des Wal­des sei­en, wie die Hal­me der Saat, wenn das Wet­ter sie trifft der Län­ge nach zu Boden gestreckt; sein Beglei­ter aber war auf und davon und in der Luft ver­schwun­den. Ganz außer sich kam der Geängs­te­te heim und fiel, als er die Thü­re sei­nes Hau­ses öff­ne­te, den lan­gen Weg ohn­mäch­tig in die Stu­be.

Als er wie­der zu sich kam, war sein ers­tes Wort: „Geht ein­mal geschwind nach dem Hom­mels­berg, dort müs­sen alle Bäu­me umge­fal­len sein!“ Dann erst erzähl­te er sein unheim­li­ches Erleb­nis.

Der Fraustein bei Windhausen

Ein armer Weber aus Hei­merts­hau­sen war in Schell­nhau­sen gewe­sen, hat­te dort eine Last Garn geholt und ging nun heim­wärts durch den Wald, der zwi­schen bei­den Orten liegt. Eine hal­be Stun­de vor sei­ner Hei­math befin­det sich ein frei­er Wies­platz mit­ten im Wal­de, das sind „die Hom­mels­wie­sen“, und hier soll­te es, nach der all­ge­mei­nen Beschrei­bung, nie ganz rich­tig sein. Dar­um freu­te sich der Weber auch recht, als ihm ein Mensch nach­rief: „Heda, Lands­mann, wo hin­aus geht der Weg nach Hei­merts­hau­sen?“ Denn nun hat­te er doch Gesell­schaft. Er wen­de­te sich um und sag­te: „Ich bin von daher, geht mit mir!“ und so gin­gen die zwei mit­sam­men wei­ter.

Damals hat­te es aber einen dün­nen Hasen­schnee auf die Erde gewor­fen, und es war um jene Tages­zeit, die man „zwi­schen Licht und Dun­kel“ nennt. Da hob der Frem­de an und sag­te: „Mann, steht still, ich sehe, Ihre habt etli­che Strän­ge Garn ver­lo­ren“; letz­te­re hat­te man dem Weber näm­lich in Schell­nhau­sen geschenkt und er woll­te sie sei­nen Kin­dern mit­brin­gen. „Kommt, wir wol­len umwen­den“, fuhr er fort, „ich will sie Euch suchen hel­fen!“

All die­ses kam dem Weber, der die „wei­ße Kunst“ und das „Bespre­chen“ ver­stand, sonst aber ein got­tes­fürch­ti­ger Christ war, doch etwas abson­der­lich vor, und er ant­wor­te­te des­halb: „Mögen die Aepfel denn ver­lo­ren sein, und was das Garn betrifft, so kön­nen mei­ne Weibs­leu­te ande­res spin­nen!“ Indem schau­te er auf den Boden und ward hin­ter ihnen den Tap­fen von einem Men­schen­fuß und neben dem­sel­ben einen Pfer­de­huf­tritt gewahr, also, daß der böse Gefähr­te Nie­mand anders sein konn­te, als der lei­di­ge Satan. Sobald frag­te er ihn auch: „Kennst du den, der in des Him­mels Wol­ken thront, den alle Engel anbe­ten, und der Jesus heißt?“

In die­sem Augen­bli­cke gab’s einen so ent­setz­li­chen Sturm­wind, daß der Weber mein­te, alle Bäu­me des Wal­des sei­en, wie die Hal­me der Saat, wenn das Wet­ter sie trifft der Län­ge nach zu Boden gestreckt; sein Beglei­ter aber war auf und davon und in der Luft ver­schwun­den. Ganz außer sich kam der Geängs­te­te heim und fiel, als er die Thü­re sei­nes Hau­ses öff­ne­te, den lan­gen Weg ohn­mäch­tig in die Stu­be.

Als er wie­der zu sich kam, war sein ers­tes Wort: „Geht ein­mal geschwind nach dem Hom­mels­berg, dort müs­sen alle Bäu­me umge­fal­len sein!“ Dann erst erzähl­te er sein unheim­li­ches Erleb­nis.

Der Hexenmeister von Kästrich

Es ist eine alte Geschich­te: „Unge­straft lässt sich der Teu­fel nicht rufen; wer ihn aber ruft, der muss ihm auch Arbeit ver­schaf­fen.“

In Kestrich war ein Mann, der unter­nahm es, die Schät­ze zu heben, wel­che der Sage nach in dem Stein­rück bei Wind­hau­sen ver­bor­gen lie­gen, und woll­te zu dem Ende die drei Alten her­auf­be­schwö­ren, wel­che in dem Berg­ge­wöl­be daselbst am stei­ner­nen Tisch sit­zen soll. Er mach­te dazu alle nöti­gen Vor­be­rei­tun­gen zu Hau­se, zog mit Krei­de dop­pel­te Rin­ge auf den Stu­ben­bo­den, und nach­dem er Frau und Kind zu Bett gebracht hat­te und ihnen die äußers­te Ruhe anbe­foh­len hat­te, ergriff er „die Schwar­ze Rabe“, wel­che das gemei­ne Gebet­buch aller Hexen­meis­ter ist, setz­te sich in einer der Krei­se und begann zu lesen.

Es dau­er­te nicht lan­ge so ging die Tür auf und ein Huhn gacker­te im Hausährn. Der Hexen­meis­ter rief: „Was willst du?“, das Huhn ant­wor­te­te: „Du hast mich geru­fen und dar­um bin ich da.“ Da fing er wie­der an: „So will ich dich nicht, kom­me in ande­rer Gestalt!“ Er schlug die Tür zu, setz­te sich in den Kreis und las wei­ter.

Bald öff­ne­te sich die­sel­be wie­der und ein gro­ßer, zot­ti­ger Bär mit aus­ge­reck­ten Tat­zen und schreck­li­chem Rachen stand vor ihm. „Was willst du?“ frag­te er den­sel­ben. „Du hast mich geru­fen“, ent­geg­ne­te der Bär, „und dar­um bin ich da.“ – „So will ich dich nicht“, schrie ihn der Hexen­meis­ter an, „kom­me in ande­re Gestalt.“ – Der Bär frag­te: „Sag mir in wel­cher?“ und Jener ant­wor­te­te: „In schö­ner, und kannst du es, in Men­schen­ge­stalt.“ – Dar­auf setz­te er sich hin und las.

Nun ging’s wie­der wie die bei­den ers­ten Male, nur stand jetzt ein blut­jun­ger Mensch vor ihm, wie ein Jägers­bürsch­lein anzu­se­hen. Zu die­sem sprach er: „Komm mit“, und hieß ihn in den lee­ren Kreis tre­ten. „Sag mir“, hub er an, „kann ich die Schät­ze heben im Stein­rück?“ – „Ja“, ant­wor­te­te der Jäger, „wenn du die Bedin­gun­gen erfüllst.“ – „Nun, was hab ich zutun?“ – „Du musst auf Wal­bers­nacht wie­der­kom­men und drei Din­ge zum Opfer brin­gen, einen schwar­zen Bock, einen wei­ßen Enten­schna­bel und eine Buben von acht Jah­ren, der aus dei­nen Len­den ent­spros­sen ist.“

Bei die­sen Wor­ten wen­de­te er sich um nach dem Bet­te, in wel­chem die Frau mit sei­nem acht­jäh­ri­gen Söhn­lein lag, und warf auf das­sel­be einen so furcht­ba­ren Blick, dass der Mut­ter das Herz­blut zu Eis gefror. „Gelt“, sag­te er dann, „das ist dir zu schwer,“ als der Hexen­meis­ter zau­der­te. „Ja“, ant­wor­te­te die­ser, „den Bub mag ich nicht her­ge­ben, es ist mein Herz­blatt.“

Als dies der Jäger hör­te, schrie er: „Willst du also nicht, nun, so lass es blei­ben; aber mache fort, ich habe Eile!“ und stampf­te vor Wut mit dem Fuße. Da ent­ließ ihn der Hexen­meis­ter und trat an das Bett sei­ner Frau.

Gleich fing er aber auch bit­ter­lich an zu heu­len. Der gif­ti­ge Blick des Teu­fels hat­te die Arme jäh­lings getö­tet.

Die Alten im Steinruck

Schon län­ger denn hun­dert Jah­re ist es her, dass in Wind­hau­sen ein Mann leb­te, der von da nicht gebür­tig war, son­dern sich ins Dorf ver­hei­ra­tet hat­te. Also wuss­te er auch von all den wun­der­sa­men Mären kein Wort, wel­che die dor­ti­gen Leu­te beim Besuch und in der Spinn­stu­be aus alter Zeit zu erzäh­len pfleg­ten. Noch weni­ger wuss­te er von dem Stein­rück oder Stein­küp­pel, einem benach­bar­ten Ber­ge, etwas, obschon von dem­sel­ben all­ge­mein der Glau­be ver­brei­tet war, dort oben habe frü­her ein Raub­schloss gestan­den oder sonst eine Woh­nung, mit Gewiss­heit konn­te es nie­mand behaup­ten. Denn der Matz lag wüst, Gestrüpp wuchs dar­auf und gro­ße behaue­ne Stei­ne sah man rings­um zer­streut, und wer bau­en woll­te drun­ten im Dorf, oder sonst wo, hol­te all­da sei­nen Bedarf und brauch­te nie­mand dar­über um Erlaub­nis zu fra­gen.

Nun geschah es, dass, als der Mann gera­de im sie­ben­ten Jah­re in Wind­hau­sen leb­te, er in einer Nacht eine Erschei­nung hat­te. Es trat näm­lich unver­se­hens vor das Bett, in wel­chem er schlief, eine gar jugend­lich schö­ne und züch­ti­ge Jung­frau, die durch­aus in wei­ße Gewän­der geklei­det war, und fleh­te ihn, um der Barm­her­zig­keit Got­tes wil­len, an, sie zu erlö­sen. Zu glei­cher Zeit reich­te sie ihm auch ein gro­ßes Gebund Schlüs­sel ent­ge­gen, wel­ches sie am Gür­tel befes­tigt getra­gen hat­te, und sag­te ihm: „Er sei zu ihrer Erlö­sung der ein­zi­ge Mensch, der seit tau­send Jah­ren unter so glück­haf­tem Gestirn und zu so guter Stun­de gebo­ren sei, und sie habe auf ihn ihre gan­ze Hoff­nung gesetzt. Indes brau­che er nicht zu den­ken, dass bei ihrem Ansin­nen ihm irgend­ein Böses wider­fah­ren wer­de, es sei im Gegen­teil alles gut und leicht zu erfül­len, was sie for­de­re, und er kön­ne sich dar­über alle Angst ver­ge­hen las­sen. Zudem wer­de sie ihn könig­lich beloh­nen und alle die vie­len Schät­ze zuwen­den, die im Stein­rück seit Men­schen­ge­den­ken unter der Erde lägen.“

Sie sag­te dem Man­ne dies alles so deut­lich und aus­führ­lich, dass ihm kein Wort ent­ging, und ließ mit Bit­ten und Fle­hen nicht ab bis zum Mit­ter­nachts­schla­ge, da erst ver­schwand sie mit einem tie­fen, schmerz­li­chen Seuf­zer. Der Mann näm­lich hat­te einen recht­schaf­fe­nen, got­tes­fürch­ti­gen Sinn, woll­te sich in solch einen unge­wis­sen, gewag­ten Han­del nicht ein­las­sen und lehn­te unbe­denk­lich und rund­um alles ab. Am Mor­gen frei­lich kam ihm die Sache ganz wun­der­lich und unglaub­lich vor; auch wuss­te er nicht recht, ob er dabei gewacht oder geträumt hat­te, und so schlug er sich das Aben­teu­er aus dem Sinn.

Es ver­gin­gen wie­der sie­ben Jah­re, und als die um waren und er in der Nacht des näm­li­chen Tages wie sonst zu Bett lag, kam die­sel­be Erschei­nung ihm vor Augen. Weit drin­gen­der noch wie­der­hol­te die Jung­frau ihre Bit­te und woll­te ihm mit Gewalt die Schlüs­sel auf­zwin­gen, allein er blieb auch die­ses Mal stand­haft und erhör­te sie nicht. Die Bege­ben­heit aber ließ ihm von da an kei­ne Ruhe im Gemü­te, und er nahm sich fest vor, wenn es gleich also wie­der­kom­men soll­te, dann woll­te er es in Got­tes Namen wagen, die dar­ge­bo­te­nen Schlüs­sel ergrei­fen und zuse­hen, wie das Ding wei­ter aus­lau­fen wür­de.

Und rich­tig, nach aber­mals sie­ben Jah­ren – er wuss­te nicht, wach­te oder träum­te er, aber er sah und hör­te alles ganz genau – stand, wie er geahnt, die Jung­frau aber­mals vor ihm und mach­te den­sel­ben Antrag wie vor­hin. Da besann er sich denn nicht lan­ge und nahm das dar­ge­bo­te­ne Schlüs­sel­bund zur Hand. Dar­auf bedeu­te­te ihm die­sel­be, sich eilends in die Klei­der zu wer­fen und ihr zu fol­gen. Die Jung­frau aber war vor Freu­de wie außer sich, lief bald vor, bald neben ihm her und führ­te das schöns­te Gespräch­spiel mit ihm, das man sich nur den­ken konn­te. So gelang­ten sie aus dem Hau­se ins Dorf und dann ins Feld, und die Jung­frau schlug quer­feld­ein den Weg ein nach dem Stein­rück, so dass er Mühe hat­te, ihr auf der Fer­se zu blei­ben; denn sie ermahn­te ihn fort­wäh­rend zur Eile, damit nichts ver­säumt wer­de.

Als sie zu zweit auf der Höhe ange­langt waren und eine Wei­le durch die Stei­ne und das Gestrüpp sich Bahn gebro­chen hat­ten, kamen sie an einen Platz, auf wel­chem ein gro­ßer Qua­der­stein lag, und es dröhn­te dumpf beim Auf­tre­ten unter ihren Füßen, als ob der Berg hohl wäre. Auf dem Qua­der­stei­ne sahen sie eine gro­ße fun­keln­de Kan­ne von geschla­ge­nem Sil­ber ste­hen, deren Deckel geöff­net und die mit lau­ter Gold­stü­cken bis oben­hin ange­füllt war. Die­se Kan­ne hat­te der Mann gro­ße Lust sich gleich mit heim zu neh­men und griff flugs dar­nach. Allein die Jung­frau sag­te: „Lass sie in Ruhe, sie ist noch lan­ge nicht das Bes­te!“

Hier­auf ging sie ein paar Schrit­te seit­wärts, und sie­he, nun war auf ein­mal eine Ver­tie­fung im Berg, die wie eine Höh­le sich ansah, dahin­ein stie­gen sie nun hin­ab. Es war aber alles so hel­le, dass man eine Steck­na­del auf dem Boden hät­te auf­he­ben kön­nen. Nach einer kur­zen Wan­de­rung durch die Höh­le fing eine brei­te, stei­ner­ne Trep­pe an, die führ­te fast senk­recht in die Tie­fe. Der Mann gedach­te an den Heim­weg und begann die Stu­fen zu zäh­len. Als er ihrer gera­de hun­dert gezählt hat­te, hör­te die Trep­pe auf, und sie stan­den nun vor einer schwe­ren, eisen­be­schla­ge­nen Türe. Die Jung­frau zeig­te ihm als­bald den rech­ten Schlüs­sel zu dem alten, ver­ros­te­ten Schloss, und nach­dem er mit vie­ler Mühe mehr­mals gedreht hat­te, fuhr die Türe weit auf.

Ein hohes, gemau­er­tes Gewöl­be tat sich jetzt vor ihnen auf, eine Ampel mit spär­li­chem Lich­te hing von der Decke her­ab; die Luft war gar feucht und mod­rig in dem Gemach, und von den Wän­den tropf­te das Was­ser. Rechts von der Türe sah man einen lan­gen stei­ner­nen Tisch, und an dem­sel­ben saßen drei gro­ße, breit­schult­ri­ge Män­ner. Ihr Kopf ruh­te auf ihren auf dem Tisch auf­lie­gen­den Armen, wie wenn sie im tiefs­ten Schla­fe lägen. Als die Türe auf­ging und die bei­den näher tra­ten, zwin­ker­ten sie einen Augen­blick mit den Augen, nach­her san­ken die Häup­ter wie­der auf die Arme, und sie rühr­ten und reg­ten sich nicht mehr. Unter ihren Füßen, bis zur Höhe des Tisches, lagen Säcke auf­ge­schich­tet. Links von den drei Alten aber war noch etwas, das konn­te man nicht recht erken­nen. Der Mann frag­te aus Neu­gier: „Was ist das hier?“ Die Jung­frau ant­wor­te­te: „Das ist alter Fir­ne­wein, der liegt in sei­ner eige­nen Mut­ter.“ Sie trieb dabei ihren Beglei­ter in einem fort zur Eile an und hieß ihn einen der Säcke unter dem Tische ergrei­fen, um ihn mit­zu­neh­men. Also zog er aufs Gera­te­wohl einen her­aus, sie aber hol­te ihm statt des­sel­ben einen andern, lan­gen und leder­nen, und weil er die­sen allein auf sei­ne Schul­tern nicht heben konn­te, weil er all­zu schwer von Gewicht war, lud sie sel­ber ihm die kost­ba­re Last auf. Dann trieb sie mit der größ­ten Ängst­lich­keit zum Fort­ge­hen: „Eile, eile, ehe die Türe zufährt!“ Das ließ sich der Mann nicht zwei­mal sagen und tum­mel­te sich, was er konn­te. Fast war er glück­lich durch den Ein­gang ent­ron­nen, als die Türe mit der Geschwin­dig­keit des Blit­zes und unter star­kem Dröh­nen wie­der zuschlug. So kam es, dass sei­ne Fer­se am lin­ken Fuße getrof­fen wur­de und er emp­find­li­che Schmer­zen zu füh­len begann.

Bei der unge­heu­ren Freu­de und Auf­re­gung dach­te er übri­gens nicht lan­ge dar­an, denn die Jung­frau ging vor ihm her, sie stie­gen die hun­dert Trep­pen­trit­te wie­der auf­wärts, und unter den lieb­lichs­ten Gesprä­chen ver­strich ihnen die Zeit. „Wie bist du nun so reich und glück­lich“, sprach sie zu ihm, „und wie viel rei­cher wirst du noch wer­den! Denn sieh, all die vie­len Säcke mit Geld und all der edle Wein, den du gese­hen hast, sind dir bestimmt. Die wer­den wir alle­samt, nach und nach, wie heu­te, holen, und dann bin ich von mei­nem Flu­che erlöst.“

Unter­des­sen kamen sie oben auf der Erde wie­der an, dran­gen durch das Gestrüpp und wen­de­ten sich, aber in ent­ge­gen gesetz­ter Rich­tung vom Dor­fe, nach einem nahe gele­ge­nen Wal­de. War­um sie gera­de die­se Rich­tung nah­men, wag­te der Mann nicht zu fra­gen, obschon es in dem Wal­de sehr fins­ter und gru­se­lig war; er ging immer getrost der Jung­frau nach. Als sie den Wald hin­ter sich hat­ten, befan­den sie sich auf einer wüs­ten Hei­de, und zufäl­lig schau­te der Mann rück­wärts. Da kam ein and­rer Mann mit gro­ßen eili­gen Schrit­ten ihnen nach­ge­gan­gen, der war gra­se­grün ange­tan von Kopf bis zu Fuß wie ein Jäger, trug einen grü­nen Hut mit einer lan­gen, rit­zero­ten Feder dar­auf und hat­te ein Gesicht wie all nichts Guts. Als er die­sen unheim­li­chen Gesel­len gewahr­te, über­fiel den Mann die höl­li­sche Angst, und er zit­ter­te am gan­zen Lei­be. Ganz ent­setzt frag­te er die Jung­frau: „Sag, um Got­tes wil­len, wer ist das?“ Sie ant­wor­te­te, und er merk­te ihr an, dass es ihr auch nicht wohl zumu­te war: „Fürch­te dich nicht, der gehört nicht zu uns, der geht sei­ne eige­nen Wege. Bekümm­re dich nicht um ihn, denk lie­ber an den gro­ßen Schatz, den du gewon­nen hast.“ Über­dem kam der Grün­rock immer näher her­an, und dem Mann ward es noch viel schwü­ler ums Herz. Der Sack mit Geld brann­te ihn wie das ewi­ge Feu­er. Er konn­te sich nicht län­ger hal­ten, er wuss­te nicht, was er Tat.

Die Schlüs­sel warf er auf den Boden, dass sie laut erklan­gen, und den Sack riss er von den Schul­tern; der kol­ler­te der Jung­frau vor die Füße. „Da hast du alles wie­der!“ schrie er. „Ich mag’s nicht, und wenn ich damit ein König­reich kau­fen könn­te! Und lass mich jetzt in Ruhe, ich will nim­mer­mehr etwas von dir wis­sen!“

Auf die­sen Aus­gang war die Jung­frau nicht gefasst, denn sie glaub­te sich schon am Ziel, aber nun tat sie einen Schrei, so laut, so grau­sig, dass er durch Mark und Bein schnitt, und fuhr auf und davon in die Luft. Er sah sie im Augen­blick nicht mehr; es wur­de dun­kel vor sei­nen Augen.

Als er zu sich selbst kam, lag er daheim im Bet­te, aber müde und zer­schla­gen in allen Glie­dern, und die Erleb­nis­se der Nacht dünk­ten ihm wie ein wüs­ter Traum. Am Mor­gen aber konn­te er nicht auf­ste­hen; denn einer sei­ner Füße war grün und blau gequetscht an der Fer­se und über und über ver­schwol­len. So war denn alles wahr gewe­sen, was ihm begeg­net, so selt­sam es auch sein moch­te, der Schmerz an der Fer­se erin­ner­te ihn sein Leb­tag dar­an. Nie­mals gelüs­te­te es ihn aber spä­ter­hin, das­sel­be Wag­nis wie­der zu unter­neh­men, obschon bis an sei­nen Tod die Jung­frau noch oft kam und ihn dazu auf­for­der­te. „Auf die­sen Schät­zen“, sag­te er zu sei­nen Kin­dern, „ruht kein Segen und drum rühr ich kei­ne Hand dar­nach!“ Merk­wür­dig war’s aber, dass er an dem Tag und zu der Stun­de starb, wie es ihm die Jung­frau vor­aus­ge­sagt hat­te, und noch in sei­nen letz­ten Augen­bli­cken hör­ten ihn die Sei­ni­gen davon reden, dass eine blas­se, wei­ße Gestalt mit kläg­li­chen Gebär­den vor ihm ste­he. Das war die arme, ver­wünsch­te Jung­frau, der mit sei­nem Tode alle Hoff­nung auf Erlö­sung ver­schwand.

Aus: Theo­dor Bin­de­wald: Ober­hes­si­sches Sagen­buch, Frank­furt 1873